Vom Schweigen der Malerei

Parallele Gerechtigkeit – Dt.

Der Künstler und Sammler Horst Antes 

Die Gemälde von Horst Antes sind beunruhigend und widerständig. Sie sind vordergründig einfach: seit fast 40 Jahren malt er ein reduziertes Spektrum von Hausmotiven, Häuser mit Giebeldächern vor nahezu monochromem Grund. Aus der Entfernung und in der Reproduktion mögen sie plakativ erscheinen, aus der Nähe erkennt man den Duktus, die Kleinstrukturierung der Flächen aus kurzen, gegenläufigen und mehrfarbigen Pinselstrichen, die materielle Konsistenz der mehr oder weniger opaken, matten Acrylfarbe und ihrer Beimischungen (Sägemehl), die Spuren von Vorzeichnungen (Kohle, Bleistift). Man erkennt, dass die Konturen der Häuser sich nicht streng linear vom Grund abgrenzen, sondern sich kleinteilig mit ihm verschleifen. Aber all das empört den Blick nicht, beunruhigend ist vielmehr das Motiv, seine Platzierung im Bildgeviert, die Wirkung der farbigen Flächen aufeinander und auf den Betrachter. 

Das Haus mit Giebeldach ist in nördlichen Hemisphären quasi eine Urform: es signalisiert Schutzraum gegen Witterung, Intimität im Innenraum. Die Hausmotive bei Horst Antes sind fenster- und türlose Einraumhäuser, unabhängig von ihrer Höhe und Dimension. Ganz selten nur taucht das Fenstermotiv aus den ersten Berliner Jahren neben diesen Häusern auf – und wird dann meist wieder verworfen. In Gaston Bachelard’s Text zur „Poetik des Raumes“ (1) steht, das Haus sei unser „Winkel der Welt“, in dem wir uns Tag für Tag verwurzeln. Irgendetwas Geschlossenes müsse die „Erinnerungen hüten“. Dem Haus sei es zu verdanken, „dass eine große Zahl unserer Erinnerungen ‚untergebracht’ sind“. In den Antes’schen Häusern sind die Erinnerungen vermauert, es gibt keine Zugänge zum Inneren. Ihr Verhältnis zum Außen, zum Hintergrund variiert in ebenso unheimlichen wie sanften farbigen Bezügen. Oft ist das Haus in ein Dunkel getaucht oder es hebt sich vor einer hellen, vermeintlichen Leere ab. 

Es gibt viele, viele einzelne Einraum-Häuser auf den Gemälden, manchmal auch Paare und Gruppen. Manche nehmen – bis auf die Winkel neben dem Satteldach – die ganze Bildfläche ein, manche scheinen auf dem Grund zu schweben, andere umgibt der gemalte Grund als kleiner Rand. Fast nie – vor allem in der Schrägansicht – stimmt ihre perspektivische Darstellung. Im Bildgeviert stossen sie unten oder/und oben oder/und seitlich an den Bildrand. Sie besetzen die Bildfläche. Oder suchen sie Halt? Oder wollen sie das Bildgeviert sprengen? Über seine Maja-Bilder aus den späten 50er Jahren sagte Horst Antes einmal, er habe die Figur wie ein Stück Haut über den Keilrahmen gespannt (2). Auch bei den Kopffüsslern in den folgenden Jahrzehnten war deren Monstrosität kaum im Rahmen einzufangen, sie sind expressiv und expansiv, Kunstfiguren auf dem Vormarsch. Häuser sind statisch, ihre Silhouetten streng. Ihre Dramatik steckt in ihrer Unstimmigkeit, in der – manchmal kaum wahrnehmbaren – Verwerfung der Zentralperspektive, die die Position des Einzelnen als Maß-Nahme einer Weltordnung vorgibt. Die Winkelflächen dieser Häuser – ihre Wände und Dächer – stellen die Repräsentation von Drei- und Zweidimensionalität infrage. Ihre Flächigkeit erschreckt in imaginierten Positiv- oder Negativvolumina, manchmal so sehr, dass sie wie ein Malevich’sches Quadrat Orientierungen inhalieren.

Aber es ist gleichzeitig die stoffliche Farbigkeit, die Malerei auf Sperrholzplatten, die den Schrecken um das Motiv der Bilder auch wieder bannt. Es ist die Mischung und Kombination der Farbtöne, das Kolorit – zum Beispiel die Variationen des violettstichigen, mineralischen Caput Mortuum-Pigments oder des Sekulic-Grün – , der Farbauftrag, der die Bilder atmen lässt, eine Szenerie schafft, ihnen Tiefe, Kühle, Wärme, Einzigartigkeit verleiht. Der Handlungsraum der Haus-Bilder liegt ausschließlich in der Malerei selbst, nicht im Dargestellten. Der Trost der Malerei. Die Häuser trotzen, die Malerei versöhnt. Es erscheint wie eine didaktische Note, dass das erste Bild im vorliegenden Werkverzeichnis noch einmal das Verschwinden der menschlichen Figur in Antes’ Malerei vor Augen führt. Der „Turm schwarz mit Rotem Dach (Fenster außerhalb)“ zeigte in Zustand 1 von 1987 eine menschliche Silhouette auf Augenhöhe mit einem Turm, in der Endfassung von 2013/14 ist sie übermalt, vergraut, genichtet. Was jedoch bleibt, ist die anthropologische Dimension der Malerei von Horst Antes, seit den Anfängen Ende der 50er Jahre bis heute. Und diese Dimension geht weit darüber hinaus, die Häuser nun als Figuren zu bezeichnen. 

Als junger 25 jähriger, bereits erfolgreicher Künstler erwirbt Hort Antes erste Artefakte von indigenen KünstlerInnen aus Nord- und Südamerika: eine Katsinam-Figur der Hopi-Indianer sowie Federarbeiten aus Südamerika. Daneben auch erste Spielzeug-Roboter. Knapp vier Jahrzehnte später initiieren Freunde des Künstlers die Studienstiftung Horst Antes, um dieser stetig und immens wachsenden Sammlung von Werken indigener und nicht-akademischer Kunst sowie Alltagsgegenständen eine anhaltende Zukunft und Öffentlichkeit zu garantieren. Ein wesentlicher Teil dieser Sammlung widmet sich den durch die Gewalt des europäischen Kolonialismus entwerteten oder zerstörten Kunstpraktiken in Nord- und Südamerika, in Afrika und Australien. Horst Antes selbst sagte in einem Gespräch einmal, diese seine lebenslange Sammeltätigkeit sei eine Praxis „paralleler Gerechtigkeit“ (3). Praktisch heißt das, dass er – lange, lange bevor die kritische Aufarbeitung des europäischen Kolonialismus und seiner Folgen vor kaum zehn Jahren zu einem öffentlichen Auftrag wurde – gegen die Hierarchisierungs- und Ausschlussmechanismen des klassischen künstlerischen Kanons anarbeitete. Horst Antes sammelt keine Exotika, sondern Werke von KollegInnen, denen ein Zugang zum westlichen Kunstkanon verwehrt war und ist. Ihre Kunst ist anhaltender Widerstand gegen vergangene und gegenwärtige Gewalterfahrung. Bis vor kurzem (2018) wurden u.a. in den Uffizien außereuropäische Objekte aus der Sammlung des Leopoldo de Medici noch als Exotica klassifiziert. Die Renaissance, deren künstlerische Zeugnisse heute auch in den Malereien von Antes nachhallen, war die Zeit der kolonialen Eroberungen, die indigene Menschen, ihre Lebensräume und Erinnerungskulturen, ihre nicht alphabetischen Sprachen und Kartografien vernichteten. Der in London lebende Roma-Künstler und Kurator Daniel Baker, sagte in einem Gespräch: „Die Idee einer engeren Verbindung zwischen den Praktiken der Kunst und des Lebens hat auch Auswirkungen auf die Rückgewinnung der Kunst aus der privilegierten Arena des Museums und einer Kunstwelt, in der der Schwerpunkt auf Marktinteressen und Wissenshierarchien liegt – auf einer Trennung von intellektuellem, kulturellem und finanziellem Kapital. Das Publikum wird von der transzendentalen Natur der Kunst überzeugt, von ihrer Schönheit und ihrem Können, die dazu dienen, Ideen und Erzählungen zu fördern, die vom alltäglichen Leben weg weisen.“ (4)

Horts Antes studierte 1957 – 1959 bei HAP Grieshaber. Ein Jahr, nachdem er die Akademie in Karlsruhe verließ, kündigte Grieshaber aus Protest seine Professur, nachdem einige seiner Studenten durch das Zweite Staatsexamen fielen, weil ihren Arbeiten mangelnde Naturtreue und handwerkliche Fähigkeit attestiert wurde. Die öffentliche Debatte über Grieshabers Schritt führte zu einer Änderung der Prüfungsordnung der Akademie, die noch aus der Zeit des Nationalsozialismus stammte. Horst Antes wurde drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren. Er hat sich nie politisch artikuliert und wenig über seine Arbeiten gesprochen, die Interpretation überließ er anderen. Nur der Ausbruchs des Falkland-Krieges 1982, des ersten Kriegs einer europäischen Nation nach 1945, wurde zu einer ausgesprochenen Zäsur in seinem Werk. Es gelang ihm nicht mehr, die menschliche Figur ins Bild zu bringen. „Alle Versuche, wieder in die Figur hinein zu kommen, … sind mir bis heute misslungen“ (5). Es blieb dabei. Seine (meist männlichen) Interpreten sprechen weiterhin von Antes als dem „Ikonenmaler der Bundesrepublik“, seiner „Neigung zum Ursprünglichen“, den „Tiefenerfahrungen der Seele“, von der „beunruhigenden Kälte“ und „malerischen Raffinesse“ seiner Bilder. Horst Antes widerspricht nicht.

Die große Retrospektive, die ihm 2010 im Gropius-Bau ausgerichtet wurde, endete mit den Haus-Bildern, so als seien sie ein Endpunkt. Allein in den Jahren 2013 – 2018 hat er über 200 weitere Bilder mit demselben Motiv gemalt. Das erste kleinformatige Haus entstand am 1.1.1986. Es gibt wenige Künstler (etwa Giorgio Morandi oder Peter Dreher), die sich so unnachgiebig und unerschöpfbar einem einzigen Motiv widmeten. Allerdings erkennt man im vorliegenden Werkverzeichnis auch immer wieder kleine „Eskapaden“ und Rückgriffe: das Hemd, die Schale, das Fensterkreuz tauchen wieder auf, ein Zahlenbild wird übermalt (2013), ein neues entsteht in 20 Tagen (2016), das Fensterkreuz mutiert zum viergeteilten Gartenbeet, der Zaun kommt ins Bild, zwei kleinformatige in Kohle gezeichnete Köpfe / Münder „hören“ / „nicht hören“ (2014). Alle anderen Malereien arbeiten sich am Haus ab, immer wieder. Das Haus kommt nicht zur Ruhe. Was wiederholt sich, was ändert sich mit der Zeit? Zeit ist ein Thema der Malerei, Malerei geschieht in der Zeit, nicht gegen sie. Raum speichert verdichtete Zeit (so Bachelard). In den Datums- oder Zeitbildern veranschaulicht Horst Antes seit Mitte der 80er Jahre Malerei als einen Prozess von Kontrolle und Kontrollverlust, von Schichtungen auf der Fläche. In seinem Werkverzeichnis werden verschiedene Zustände von Gemälden dokumentiert, man sieht, was verworfen und unsichtbar wurde. Selten zeigen sich Maler so transparent in ihrem Tun. Auf den Rückseiten der Gemälde werden oft die Arbeitstage am Bild notiert. Malerei friert Zeit aber auch ein. Und sobald ein Bild fertig ist, ist es nicht mehr genug. Neue Imaginationen werden freigesetzt. Die Mittel sind ebenso limitiert wie immens: eine Sperrholzplatte, die Farbe mit Beimischungen, Pinsel, das Motiv des Giebelhauses. Es entstehen viele kleine Formate (30 x 40 cm und größer), einige Mittelformate bis hin zu den Dimensionen 220 x 240 cm, fast immer im Querformat, was die Gravität des Motivs unterstreicht. Die Farbe des Hintergrunds verhält sich stets gleichmütig, harmonisch zum Haus-Motiv. Front- und Seitenfläche des Hauses sind oft in identischer Farbigkeit, so dass nicht nur eine perspektivische Einbildung kollabiert, sondern auch die Vorstellung, es gäbe Licht- und Schattenseiten an diesem Haus. Aber es gibt keine Illusion von Licht, nur Farbe, die nichts repräsentiert. Manchmal sind die Flächen von Haus und Dach identisch mit der Farbe des Hintergrunds, es wird nur eine Kontur gezogen, das Haus wird zum Phantom. Wenn Häuser nicht allein stehen, sondern als Paar auftreten, kontrastieren sie stark voneinander oder verrätseln sich gegenseitig. Das, was in Sprache kaum zu übertragen ist, ist die konkrete Farbigkeit der Malerei, ihre Farbklänge, das Auf- und Abtauchen, die Dichtigkeit und Durchlässigkeit von Flächen in unterschiedlichen farbigen Tönen. 

Was bedeutet es, Bilder als „verschwiegen“ zu bezeichnen? Trifft diese Aussage nicht auf jede Malerei zu? In den Haus-Bildern von Horst Antes erscheint das Schweigen als Movens und Gegenstand der Malerei. Wie sollte jemals wieder ein Gespräch aufkommen – in flachen Häusern ohne Raum, Licht, Zu- und Ausgang? Gleich nach der Unabhängigkeitserklärung zahlreicher ehemals kolonisierter afrikanischer Staaten Anfang der 60er Jahre forderten diese die Restitution ihrer geraubten Güter von den Kolonialstaaten. Berge von wechselseitiger Korrespondenz dokumentieren diese Ansprüche. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy veröffentlichte ihre diesbezüglichen Recherchen 2021 in dem Buch: Afrikas Kampf um seine Kunst: Geschichte einer postkolonialen Niederlage. Der Schriftwechsel wurde über Jahre unter den deutschen Ministerien hin- und hergeschoben und landete schließlich verschwiegen in der Ablage. 1949 schrieb Theodor W. Adorno: „Nach dem Holocaust ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Die Haus-Bilder von Horst Antes sind herausfordernd, sie bergen Barbarei, ästhetisch, ruhelos. 

Werkverzeichnis Horst Antes, Band 11, 2023

Anmerkungen

  1. Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, dt. Ausgabe Frankfurt 1987
  2. Horst Antes, Malerei 1958 – 2010, S. 11
  3. Zitiert nach: Horst Antes, 7 Häuser, Galerie Friese Berlin, 2022, Ausstellungstext
  4. https://www.villaromana.org/front_content.php?idcat=99&idart=1473&lang=1
  5. s. 2, S. 20

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