Sprachlosigkeit / Speechlessness – Dt./Engl.
Wie spricht man mit sich selbst, wenn man nichts zu sagen hat?
Wovon handelt Sprache? Wie kommt sie zu mir?
Als Fragment, als Imitation, als Geistesblitz, als Einbildung?
Wovon zeugt sie, niedergeschrieben mit der linken Hand?
Oder plastisch in den Raum gestellt.
Kann Sprache Räume öffnen?
Oder verschließen?
Spreche ich für andere oder mit wem?
Sprache verhallt.
Schreiben ist Linie, eine spitze Feder oder eine spitze Nadel zieht sie.
Handschrift ist Körperspur.
Schon auf den frühen Malereien von Farkhondeh Shahroudi aus den 90er Jahren ist Text auf den Bildgrund eingeschrieben. Seitdem begleitet Schrift/Text/Sprache ihre künstlerische Arbeiten, zunächst im Bild, dann als Stickerei auf Objekten und Körpern, als skulptural formulierter Ausruf, als linkshändiges Notat auf Papierbögen und Stoffen, als Buch im Buch, als Titel plastischer Arbeiten, als Pamphlet auf Kleidungsstücken und Bannern, als Rezitation in Performances, im Außenraum auf Wände geschrieben, an Bushaltestellen gesticktert. Wer spricht da?
Die Materialien, die Farkhondeh Shahroudi für ihre plastischen Arbeiten (antropomorphe Körper, Hände, Flaggen, körperbezogene Objekte und Textilien) und Installationen verwendet, sind weich, textil, gewebt, geknüpft, geflochten. Der Text ist handgeschrieben, nur die unleserlichen Farsi-Texte werden in Stoffe hineingestickt, Nadelstich um Nadelstich. Am Anfang jedes Schriftzeichens steht der Strich – das „I“ / Ich oder Alif, der erste Buchstabe des arabischen Alphabets. Was dann folgt oder dem vorausging, entzieht sich der Kontrolle.
Ein schwarzes, voluminöses OH – zwei Buchstaben aus Stoff genäht – lehnt an einem Baum. Ein AH wurde im Raum abgelegt. Man möchte den Atem dieser Ausrufe gehört haben. Es sind reaktive Ausrufe auf etwas, das unbekannt bleibt und alles sein kann. Etwas muss dem anonymen Ausruf vorausgegangen sein, ihn aktiviert haben. Jetzt aktivieren zwei Buchstaben die Imagination.
Farkhondeh Shahroudis Arbeiten sind von Erfahrungen und Erinnerungen inspiriert, artikulieren stumme Ausrufe, beredte Anrufungen, phantastische und poetische Imaginationen: die goldene Prothese des Elefanten, die bewohnbare Frau … Anna Marmaid, eine Teppichknüpferin, die aus einer der holländischen Kolonien nach Arnheim gebracht wurde und dort im Zypendaal Schloss als Kindermädchen arbeitete: hörst Du / tears of Anna / black eyes anna / sky night ship sea … Der Raum zwischen den roten beschrifteten Fahnen im Park von Sonsbeek wird im Sommer 2021zu einem stummen Gesprächsraum, zu einem Raum der Ansprache an ein unbekanntes Gegenüber, Abwesendes wird in der Anrufung anwesend.
trage blumenerde von a bis z sehr billig, sammle bierflaschen, porzellanvasen, schmerrtalinge, leckere hünenflugel aus dem fünf sterne restaurant in der nähe tauben strasse berlin mitte, berate künsteler, die an hühner augen leiden, die bonbon klauen. ich denke an meiner knie, habe kein dach über dem kopf, aber einen himmel zum weinen schön. – So endet der Text eines Flugblatts, das Farkhondeh Shahroudi anlässlich ihrer gleichnamigen Performance „ich denke an meiner Knie“ im Sommer 2022 während einer Performance in der Villa Romana verteilte. Er generierte sich in einem Prozess „automatischen Schreibens“ – aus der Perspektive einer obdachlosen Frau in Berlin. Er verschleift in so wenigen Zeilen eine ungeheure Dichte an Lebenserfahrung, Kritik, Humor, Not, Banalität, Pathetik, Subjektivität und Resistenz.
Farkhondeh Shahroudi betitelte eine Reihe von Büchern mit linkshändigen Handschriften und Zeichnungen (seit 2008) als Glossolalie. Ein Begriff, der in der Bibel als „Zungenrede“ auftaucht, als ein (göttlich) inspiriertes Sprechen in einer unverständlichen Sprache. Farkhondeh Shahroudi weiss natürlich, welche Sprache sie bewusst fehlerhaft und unkorrigiert einsetzt. Sie artikuliert Widerstand gegen Sprach- und Anpassungsnormen, lässt Stimmloses zur Sprache kommen:
Stimmen, die sich frei machen von Scham, Ausgrenzung, Vergessen, die sprunghaft, emotional, humorvoll fabulieren, die gesellschaftliche Diskrepanzen in wenigen Halbsätzen auf den Punkt bringen, die sich der Sprachlosigkeit verweigern und Ich und Du verschleifen. Farkhondeh Shahroudi agiert dabei wie ein Medium des / der Ausgeschlossenen, schafft Resonanzräume für Stimmloses.
Angeblich wurde noch vor den literarischen Experimenten der Surrealisten das automatische Schreiben Ende des 19. Jahrhunderts von einem französischen Psychotherapeuten namens Pierre Janet als therapeutischer Prozess eingesetzt, um Unbewusstes freizusetzen, Verlorenes in Worten klingen zu lassen, Erfahrungen in Erinnerungen zu verwandeln, der Wortlosigkeit Raum zu geben. Farkhondeh Shahroudi bezeichnet alle ihre Arbeiten als eine „räumliche Poesie“. In ihrem dunklen Kern bergen sie Schmerz. Einen geteilten Schmerz, der keinen Unterschied macht zwischen dem eigenen und dem der anderen, beispielsweise in Arbeiten, die der Zehntausende von Ertrunkenen im Mittelmeer während der letzten drei Jahrzehnte gedenken.
Den Texten wie auch den plastischen und installativen Arbeiten von Farkhondeh Shahroudi ist immer etwas vorausgegangen, das aus der individuellen wie gesellschaftlichen Sprachlosigkeit gerettet wird, dem sie Resonanzen einräumt und einen Körper verleiht. Farkhondeh Shahroudi artikuliert anonyme Zwischenrufe und kurze Geschichten, die die Welt – und wie wir sie hören oder lesen – verändern. Hinter allen Worten und Wortlosigkeiten verbergen sich Stimmen. Im Text werden sie angesprochen und kommen unter uns.
*****
How do you talk to yourself when you have nothing to say?
What is language about? How does she get to me?
As a fragment, as an imitation, as a flash of inspiration, as an illusion?
Written with the left hand, what does it testify to?
Or placed plastically in the room.
Can language open spaces?
Or lock?
Am I speaking for others or with whom?
Speech dies away.
Writing is a line drawn with a sharp pen or needle.
Handwriting is body trace.
Even in the early paintings of Farkhondeh Shahroudi from the 90s, text is inscribed on the picture ground. Since then, writing/text/language has accompanied her artistic work, first in images, then as embroidery on objects and bodies, as a sculpturally formulated exclamation, as left-handed notation on sheets of paper and fabrics, as a book within a book, as the title of sculptural works, as a pamphlet on clothing and banners, as recitations in performances, written on walls outdoors, embroidered at bus stops. Who’s speaking?
The materials that Farkhondeh Shahroudi uses for her sculptural works (anthropomorphic bodies, hands, flags, body-related objects, and textiles) and installations are soft, textile, woven, knotted, braided. The text is handwritten, only the illegible Farsi texts are embroidered into fabric, pinprick by pinprick. At the beginning of each character is the dash – the „I“ / Ich or Alif, the first letter of the Arabic alphabet. What follows or precedes that is beyond control.
A black, voluminous OH—two letters sewn from fabric—is leaning against a tree. An AH is placed in space. One would like to have heard the breath of these exclamations. They are reactive exclamations of something that remains unknown yet can be anything. Something must have preceded the anonymous exclamation, activated it. Now two letters activate the imagination.
Farkhondeh Shahroudi’s works are inspired by experiences and memories, articulating mute exclamations, eloquent invocations, fantastic and poetic imaginations: the elephant’s golden prosthesis, the liveable woman…Anna Marmaid, a carpet weaver brought to Arnhem from one of the Dutch colonies and there worked as a nanny at Zypendaal Castle: do you hear / tears of Anna / black eyes Anna / sky night ship sea … In the summer of 2021, the space between the red flags in Sonsbeek Park turns into a silent space for conversation, a space for addressing an unknown counterpart, what is absent becomes present in the invocation.
slugging potting soil from a to z very cheap, collect beer bottles, porcelain vases, butterflies, delicious giant wings from the five star restaurant near tauben strasse berlin mitte, advise artists who suffer from chicken eyes that steal candy. I think of my knees, have no roof over my head, but a heaven to cry on. This is how the text of one leaflet ends that Farkhondeh Shahroudi distributed on the occasion of her performance of the same name „I think of my knees” in the Summer of 2022 at the Villa Romana. It was generated in a process of „automatic writing”—from the perspective of a homeless woman in Berlin.In so few lines she blends an enormous density of life experience, criticism, humour, hardship, banality, pathos, subjectivity and resistance.
Farkhondeh Shahroudi titled one set of books with left-handed manuscripts and drawings (since 2008) as glossolalia. A term that appears in the Bible as „tongues“, a (divinely) inspired speaking in an incomprehensible language. Farkhondeh Shahroudi knows which language she deliberately uses incorrectly or uncorrected. She articulates resistance to language and conformity norms, lets the voiceless speak:
Voices that free themselves from shame, exclusion, oblivion, the erratic, emotional, humorous tales that get to the heart of social discrepancies in a few half-sentences, that refuse to be speechless and I and you blur away. Farkhondeh Shahroudi acts as a medium of the excluded, creating resonance spaces for the voiceless.
Allegedly, even before the literary experiments of the Surrealists, automatic writing was used as a therapeutic process by a French psychotherapist named Pierre Janet at the end of the 19th century to set the unconscious free, to let lost things ring in words, to transform experiences into memories, making room for wordlessness. Farkhondeh Shahroudi describes all of her works as “spatial poetry”. In their dark core they harbour pain. A shared pain that makes no distinction between one’s own and that of others, for example in works that commemorate the tens of thousands who have drowned in the Mediterranean Sea over the past three decades.
Farkhondeh Shahroudi’s texts and sculptural and installation works are always preceded by something that is rescued from individual and social speechlessness, to which she gives resonance and gives body. Farkhondeh Shahroudi articulates anonymous interjections and short stories that change the world—and how we hear or read it. Behind every word and wordlessness hides voices. They are addressed in the text and come among us.
Katalog: wir sind die feder in des schreibers hand, wohin wir gehen, ist uns nicht bekannt – Farkhondeh Shahroudi, archive books 2024
Hinterlasse einen Kommentar